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Theorie der positiven Desintegration

Die Theorie der positiven Desintegration stammt von Kasimierz Dabrowski, einem Psychologen und Psychiater aus Polen und Kanada, der beide Weltkriege erlebt hat.

Seine Beobachtungen, wie Menschen mit Traumata umgehen, seine Freundschaft mit Maslow und seine Kenntnis von Piaget führten unter anderem zu einer Theorie, die eine mögliche autonome Persönlichkeitsentwicklung beschreibt.

Im Gegensatz zu den Theorien von Piaget und anderen Entwicklungspsychologen enthält sie keine Automatismen, bei denen die meisten Stufen einfach durch das Älterwerden durchlaufen werden.

Doch beginnen wir mit der Beschreibung.

Dabrowski unterscheidet fünf Entwicklungsstufen, die ein Mensch durchlaufen kann. Diese Stufen sind:

  1. primäre oder primitive Integration
  2. einstufige Desintegration
  3. spontane mehrstufige Desintegration
  4. gerichtete mehrstufige Desintegration
  5. sekundäre Integration

Wie sehen diese fünf Stufen nun aus? Schauen wir uns meinen imaginären Coachee, Frank, an:

Primäre Integration: Frank fühlt sich in der Gesellschaft wohl und integriert. Hier geht es darum, dass Frank durch seine zum Teil egoistischen Instinkte und Triebe, d.h. unbewusste Motivationen, integriert ist. Sein Motto: Ich gehöre dazu.

Unilevel Desintegration: Erste Fragen tauchen in Frank auf, als er erste Krisen erlebt. Frank sieht plötzlich Alternativen zu dem, was er bisher geglaubt hat. Bei näherer Betrachtung unterscheiden sich diese Alternativen kaum von dem, was ursprünglich geglaubt wurde. Diese Alternativen unterscheiden sich qualitativ bezüglich Moral und Werten nicht. Für die erlebte Diskrepanz gibt es zwei Auslöser: den ersten und den zweiten Faktor. Der erste Faktor umfasst angeborene Persönlichkeitseigenschaften, der zweite Umwelteinflüsse. Das führt zu dem neuen Leitsatz: Ich bin verwirrt.

Spontane Multilevel-Desintegration: Nun tauchen Alternativen auf, von denen eine eindeutig den größeren Wert hat, qualitativ wünschenswerter ist. Frank hat etwas schon 1000 Mal gesehen, und doch ist es heute anders. Spontan erkennt Frank die Möglichkeit, dass es eine höhere Ebene der Existenz, einen besseren Lebensstil geben könnte. Er sieht hinter die Kulissen, erkennt die Matrix. Aber er weiss noch nicht, wie er damit umgehen soll, denn er spielt noch keine aktive Rolle in dieser Geschichte. Sein Gefühl: Ich habe einen Konflikt.

Gezielte Multilevel-Desintegration: Frank durchbricht die sprichwörtliche Mauer und beginnt, eigenständig und zielgerichtet seine eigenen Werte zu hinterfragen, abzuwägen, zu gestalten. Er übernimmt die Kontrolle über seine eigene Persönlichkeitsentwicklung. Dabei werden instinktive Entscheidungen und gesellschaftliche Werte und Moralvorstellungen in Frage gestellt. Ein neu erworbener dritter Faktor hilft, die Entwicklung selbständig und selbstgesteuert voranzutreiben. Jetzt weiss er: Es gibt noch mehr.

Sekundäre Integration: Frank hat sich verändert. Seine Werte, seine Weltanschauung, sein ideales Selbstbild und sein aktuelles Selbst sind wieder im Einklang, aber nicht wie bei der Primärintegration durch Instinkte und gesellschaftliche Konventionen bestimmt, sondern durch eine eigenständig erworbene Wertehierarchie. Ihm ist klar: Das bin ich.

Schauen wir uns einige Begriffe etwas genauer an:

Erstens, die drei Faktoren:

Der erste Faktor ist angeboren und besteht unter anderem aus drei Dingen: den fünf Übererregbarkeiten, besonderen Talenten und Fähigkeiten und dem IQ. Diese machen das sogenannte Enwicklungspotential aus.

Der zweite Faktor besteht aus dem sozialen Umfeld, also den kulturellen Stimulationen, dem Wissen um die Persönlichkeitsentwicklung, dem man ausgesetzt ist, einer friedlichen Umgebung, dem Zugang zu kompetenten Mentoren und den Krisen, die einfach zum Leben dazugehören.

Der dritte Faktor wächst sich aus den ersten beiden und ist eine Ansammlung von so genannten Dynamiken der vierten Stufe, einer Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Selbstwahrnehmung in Richtung eines idealen Selbst.

Was aber sind Dynamiken?

Es sind Kräfte und Antriebe für die persönliche Entwicklung. Sie treten auf den verschiedenen Stufen auf. Deshalb müssen wir noch ein paar Dinge über die Stufen sagen:

Die zweite Stufen wird als unilevel bezeichnet, weil die Alternativen, die einem bewusst werden, eigentlich von der gleichen Art sind wie die vorherige Integration. Ich entscheide mich nicht bewusst für eine Wertehierarchie und ein ideales Selbst, sondern überlasse dies meinen egoistischen Wünschen und Umwelteinflüssen.

Es gibt drei Möglichkeiten, wie ich mit den Diskrepanzen in meiner Wahrnehmung umgehen kann:

  • Ich gebe auf und integriere mich neu.
  • Ich höre auf andere und lasse mein egoistisches Bedürfnis nach Zugehörigkeit und den zweiten Faktor (in diesem Fall u. a. durch Gruppenzwang ausgedrückt) entscheiden. Auch dies führt zurück in eine primäre Integration.
  • Ich beginne eine tief greifende Reise der Veränderung.

Die dritte Stufe wird als mehrstufig oder multilevel bezeichnet, weil sie zusätzlich zu den primären Faktoren ein Idealbild einführt, zu dem ich mich entwickeln möchte. Nur weiß ich nicht, wie, und die Veränderungen geschehen eher spontan und willkürlich.

Die vierte Stufe heißt immer noch mehrstufig, weil ich mich immer noch vom aktuellen zum idealen Selbst entwickle, jetzt aber zielgerichtet. Ich setze verschiedene Dynamiken ganz gezielt und bewusst ein, um mich zu verändern.

Welche Dynamiken sind also in welcher Stufe am Werk?

Der erste Faktor ist angeboren, er ist also schon bei der Primärintegration am Werk. Ein starkes Enwicklungspotential (Teil des ersten Faktors) führt zu einer spontanen Entwicklung. Wir werden später sehen, wie dies geschieht.

In der zweiten Stufe kommt der zweite Faktor hinzu. Außerdem finden wir hier Ambivalenz und Ambitendenz. Bei der Ambivalenz handelt es sich um einen Wertekonflikt, während es bei der Ambitendenz um widersprüchliche Reaktionen und Verhaltensweisen geht.

In der dritten Stufe beginnen wir, unsere eigene Wertehierarchie zu erstellen. Bestimmte Werte werden für uns wichtiger als andere.

Andere Kräfte, die hier am Werk sind, sind: Unzufriedenheit mit sich selbst, Minderwertigkeitsgefühle, innerer Aufruhr, Verwunderung über sich selbst, Schamgefühle, Schuldgefühle und positive Unangepasstheit.

Unangepasstheit ist positiv, wenn sie eine Entwicklung hin zum idealen Selbst antreibt, d.h. das Streben nach Höherem, und negativ, wenn es sich nur um Rebellion handelt. Ebenso gibt es eine positive, d. h. selbst gewählte Konformität/Anpassung, die dem idealen Selbst entspricht, und eine negative Konformität/Anpassung aufgrund von Gruppendruck oder Egoismus.

In der vierten und fünften Stufe sind diese Dynamiken am Werk: der dritte Faktor, Subjekt-Objekt in sich selbst (objektive Selbstbeobachtung), innere Transformation, Selbstbewusstsein, Selbstkontrolle, Autopsychotherapie, selbstgesteuertes Lernen, Verantwortung, Autonomie und das ideale Selbst.

Machen wir ein kleines Beispiel:

Frank lebt in Frieden mit sich und seiner Umwelt, hat aber in letzter Zeit das Gefühl, dass andere (zweiter Faktor) andere Werte haben als er (Ambivalenz), sich in bestimmten Situationen anders verhalten (Ambitendenz) und dass manches davon seinen eigenen Bedürfnissen mehr entspricht. Außerdem stören diese anderen seinen inneren Frieden, indem sie bestimmte Anpassungen verlangen, damit Frank zu ihrer Gruppe gehören kann.

Da Frank ein starkes angeborenes Enwicklungspotential hat, schließt er sich nicht nur einer anderen Gruppe an, sondern entwickelt sich auch weiter. Er erkennt, dass bestimmte Werte für ihn wichtiger sind (Hierarchisierung), auch wenn er noch oft nicht nach diesen neuen Normen lebt und sich dann schämt und minderwertig fühlt (multiple Dynamiken).

Doch je mehr Frank sich selbst beobachtet (Subjekt-Objekt in sich selbst) und je mehr sich sein dritter Faktor entwickelt, desto mehr kann er sich zielgerichtet und bewusst in Richtung seines Idealbildes verändern.

Es kommt der Punkt, an dem sich Frank in seiner Haut wohlfühlt. Er bewegt sich mehr und mehr auf sein Idealbild zu und ist nicht mehr von seiner Umwelt und seiner alten Persönlichkeit abhängig. Er hat sich selbst reintegriert, das heißt, er hat eine Persönlichkeit geformt, die keine Risse aufweist.

Ich möchte den ersten Faktor etwas differenzierter betrachten. Ein starker erster Faktor besteht aus den fünf Übererregbarkeiten, besonderen Talenten und Fähigkeiten und einem hohen IQ.

Diese Übererregbarkeiten (OE) zeichnen sich dadurch aus, dass ein kleiner Reiz eine überdurchschnittliche Reaktion auslöst, ein Feuerwerk. Diese sind:

  • Intellektuelle OE: der extreme Drang nach Verständnis, Wissen, Wahrheit.
  • Imaginative OE: starke Assoziationen und Metaphern, Fantasie, (luzide) Träume, Visionen, Vorstellungskraft.
  • Emotionales OE: intensive Gefühle, komplexe Emotionen, Empathie.
  • Sensorische OE: intensives Erleben der Reize der fünf Sinne bis hin zur Reizüberflutung.
  • Psychomotorische OE: enorme Energie, Bewegungsdrang.

Besonders die ersten drei (intellektuell, phantasievoll und emotional) unterstützen den dritten Faktor stark.

Die Übererregbarkeiten zeigen uns die Intensität einer Person, aber nicht ihre Fähigkeit, komplexe Daten zu verarbeiten. Intellektuelle OE ist daher ein Drang nach Wissen, aber nicht gleichzusaetzen mit intellektueller Intelligenz.

Besondere Begabungen und Fähigkeiten sind Talente in Musik, Sport, Kunst und so weiter. Man geht davon aus, dass diese Fähigkeiten durch die OEs und einen hohen IQ unterstützt werden und daher sekundär und nicht grundlegend für den ersten Faktor sind, d. h. Menschen können einen starken ersten Faktor haben, ohne traditionelle besondere Talente und Fähigkeiten aufzuweisen.

Ein hoher IQ trägt zu einem starken ersten Faktor bei, aber was ist ein hoher IQ? Von einem hohen IQ spricht man in der Regel ab einem IQ von 130-135. Es lässt sich zeigen, dass sich die Art und Weise, wie Menschen denken, ab etwa diesem Wert qualitativ verändert. Ab diesen Werten denken Menschen nicht einfach nur mehr oder schneller, sondern auf eine völlig andere Art und Weise.

Beim IQ unterscheidet man häufig fünf Bereiche der Hochbegabung

IQBegabungHäufigkeit
115-130mild1:6 – 1:44
130-145moderat1-44 – 1:1’000
145-160hoch1:1’000 – 1:10’000
160-180aussergewöhnlich1:10k – 1:1m
180+profund<1:1m
Source : http://www.hoagiesgifted.org/underserved.htm, Exceptionally and Profoundly Gifted Students: An Underserved Population by Miraca U.M. Gross

Was löst dieser erste Faktor nun aus?

Wenn unterschiedliche OEs aufeinander treffen, entstehen automatisch Konflikte. Allein die Intensität und die Unmöglichkeit, eine OE zu steuern oder zu begrenzen, führen zu Konflikten, ebenso wie ein hoher IQ.

Es wird davon ausgegangen, dass ein starker erster Faktor unweigerlich innere Konflikte auslöst und damit eine Entwicklung in die zweite und von dort in die dritte Stufe, weil eine Rückkehr in die sozial gesteuerte Anpassung nicht möglich ist.

Ein schwacher erster Faktor macht es unmöglich, sich über die zweite Stufe hinaus zu entwickeln. Zu stark sind die Anziehungskräfte der eigenen Bedürfnisse und der Umwelt.

Was ist mit Menschen mit einem normalen, durchschnittlich starken ersten Faktor? Das hängt davon ab, wie sich der zweite Faktor auswirkt. In einer friedlichen Umgebung, mit guten Mentoren, dem richtigen Wissen ist es immer noch möglich, auf dem Weg zur mehrstufigen Desintegration voranzuschreiten.

Was kann ein solcher Mentor tun?

  • Er weist auf Widersprüche im Verhalten hin,
  • gibt Einblick in negative und positive Persönlichkeitseigenschaften,
  • stärkt positive Eigenschaften, wie z. B. Verantwortung,
  • interpretiert das Verhalten aus einer moralischen Perspektive,
  • fördert die Selbstkritik, die Unabhängigkeit des Denkens, des Verhaltens und der Empathie,
  • schult das Individuum, dem ständigen Bestreben zu widerstehen, die Intelligenz den Instinkten zu unterwerfen, und im Kampf gegen den Egoismus,
  • hilft bei der Entwicklung der Fähigkeit, das innere Leben zu organisieren,
  • und lehrt das Individuum zu meditieren.

All dies, um das eigene Denken und die Gestaltung der Wertehierarchie des Mentees hervorzubringen und zu ermöglichen, wobei man sorgfältig darauf achtet, dass man sich nicht selbst aufdrängt und nur der zweite Faktor des Mentees wird.

Wie tönt das für Dich? Erkennst Du Dich darin wieder?